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Vater und Mutter als Partner des Kindes im fünften Lebensjahr

Der wesentliche Einfluss seitens der Eltern ergibt sich im direkten Kontakt mit dem Kind. Das Kind erlebt die Art des elterlichen Verhaltens als beispielhaft.

Auf dem Wege der Identifika­tion, aber auch durch Beobachtung und Nachahmung übernimmt das Kind nahezu alle Verhaltensweisen seiner Eltern. Leider nicht nur die erwünschten, sondern teilweise auch so unerwünschte wie zum Beispiel aggressives, geltungssüchti­ges oder autoritäres Verhalten – ganz in dem Ausmaß, wie es das zu Hause tatsächlich erlebt.

Somit ist der elterliche Einfluss insgesamt außerordentlich groß – insbesondere beim jüngeren Kind. So gesehen setzt die Erziehung der Kinder zu den erwünschten Erzie­hungszielen die Verwirklichung eben dieser Ziele seitens der Eltern voraus.

Immerhin gewährleistet der Einfluss von Vater und Mutter, dass das Kind während seiner Entwick­lung nicht nur von einer Person abhängig ist. Verhaltensweisen, die von beiden Eltern verstärkt werden, haben höhere Realisierungschan­cen, als die Verhaltensweisen eines Elternteils allein.

Es ergibt sich damit ein gemäßig­ter Erziehungseinfluss, der das Kind in aller Regel den erwünschten Zielen insgesamt näher führt. Das geschieht zum Teil unbemerkt. Wenn ein Elternteil das Kind tadelt, findet es vielleicht beim anderen emotiona­le Entlastung (zum Beispiel da­durch, dass dieser sich «normal» verhält, also nicht aufgeregt oder gereizt ist). Dennoch gilt, dass übereinstimmendes Handeln, übereinstimmende Grundsätze der beiden Elternteile sich im allgemei­nen günstig auswirken, da das Kind dann eine stimmige Orientierung erhält. Diese Feststellung schließt aber nicht aus, dass auch ein/e alleinstehende/r Mutter oder Vater, die/der die erwünschten Erziehungs­ziele in hohem Maße selbst realisiert und vorlebt, sein Kind allein in die gewünschte Richtung führen kann.

Wenn das Verhaltens- und Erlebensspektrum der beiden Elternteile nicht übereinstimmen, kann sich das aber unter bestimmten Bedingungen ebenfalls günstig auswirken: Das Kind erhält eine breiter gefächerte Anregung, wenn sich die unterschiedlichen Verhal­tens- und Erlebnisweisen auf verschiedene Tätigkeitsbereiche beziehen.

Wenn sich also zum Beispiel in einer traditionellen bäuerlichen Familie die Mutter überwiegend um den Haushalt kümmert und der Vater draußen seiner Arbeit nachgeht, kann das Kind beide Bereiche miterleben. Das ist für die Erziehung eine außerordentliche Bereicherung – und für die Eltern eine Erleichterung.

Derartige Erziehungsbedingungen sind heute allerdings kaum noch gegeben. Weder erfährt das Kind genügend über die Tätigkeiten seiner berufstätigen Eltern (es versteht meistens nicht, was sie tun und warum sie es tun), noch kann es sich eine genaue Vorstellung von den Haushaltsarbeiten machen, da die früheren «Hand»-Arbeiten heute vielfach eher nebenbei, von Maschinen oder mitunter auch von Aushilfen erledigt werden.

Das Kind lernt den Begriff Arbeit insofern nicht mehr genügend kennen. Und vor allem: Es findet kaum Gelegenheit, Tätigkeiten nachzuvollziehen, die innerhalb eines Erwachsenen-Arbeitsbereiches einen höheren Stellenwert haben und orientierend wirken. Somit sind im Arbeitsbereich die früheren Vorbildfunktionen von Vater und Mutter entfallen.

Bei der traditionellen Rollenver­teilung ist der Vater oft nur «Zaungast» der Familie. Seine Anregungen und die Mitteilung seiner Erfahrungen sind dem Kind fragwürdig geworden. Es erlebt ihn häufig als ruhebedürftigen, abgespannten Erwachsenen, der dennoch Einfluss beansprucht und seine Vorstellungen und Anweisun­gen durchgeführt sehen will.

Der Veränderungsprozess der elterlichen Tätigkeitsbereiche erfordert eine Umstellung des Verhältnisses von Eltern zu Kindern. Zwei Aspekte seien hier besonders hervorgehoben.

♦    Die Bedeutung der Sachinformation nimmt zu:

Solange das Kind bei seinen Eltern jederzeit deren Tüchtigkeit in allen Leistungs- und Lebensbereichen erfahren konnte, genügte zur Verhaltenssteuerung das «gute Zureden» der Eltern. Nachdem aber viele dieser Beobachtungs­möglichkeiten entfallen sind, müssen Eltern die erwünschten Verhaltensweisen mehr als früher begründen. Hierzu ein Beispiel:

Das Kind begreift nicht, warum es sich nicht (unnötig) schmutzig machen soll, denn die Waschmaschine macht doch immer scheinbar automatisch alles wieder sauber. Dass trotzdem Mühe und Energie – wenn auch nicht mehr wie früher bei der Handwäsche – erforderlich sind, muss ihm erst erklärt werden.

Neben der Begrün­dung ist aber auch wichtig, dass die Eltern das Kind die Erfahrung machen lassen, dass sich diese Handlungsanleitun­gen bewähren. Wenn es mit ihnen schwieri­ge Situationen mei­stern kann, lernt es auch, die Anleitungen und Anweisungen bereitwillig zu akzeptieren. Aufgrund dieser Erfahrungen ist das Kind dann bereit, auch andere, weniger eingehend begründete Anregungen zu übernehmen.

Und das ist ein wichtiges Ziel, weil das Kind die Konsequenzen vieler Handlungen und Verhaltens­weisen nicht sofort, sondern mit Verzögerungen erlebt. (Wenn es zum Beispiel seinem Spielkamera­den einmal das Spielzeug wegreißt, wird sich dieses Kind von ihm noch nicht abwenden. Reißt es aber das Spielzeug immer wieder weg, so wird die Beziehung zur Freundin oder zum Freund dauerhaft gestört.)

♦    Die Bedeutung gleichberechtig­ter, partnerschaftlicher Verhaltens­weisen nimmt zu:

Weil Kinder bei ihren Eltern wesentliche Verhaltensweisen, die früher Autorität auf natürliche Art und Weise aufbauten und unter­stützten, nicht mehr beobachten und erleben können, müssen Verhaltensweisen bevorzugt in das Erziehungsrepertoire der Eltern aufgenommen werden, die auf Autorität verzichten.

Das Geheimnis glücklicher Kinder

Also: Partnerschaft statt Über und Unterordnung, Gleichberechti­gung statt Vorrechte für die Eltern. Dies scheint allerdings gegenwärtig noch ein weitgestecktes Ziel zu sein, zumal noch nicht einmal die Gleichberechtigung von Männern und Frauen in der Gesellschaft vollzogen ist. Dennoch dürfte dieser Weg, sachorientierte Informationen und Begründungen zu geben und das in einer partner­schaftlichen Weise zu tun, der einzige Weg sein, der längerfristi­ge, positive und soziale Beziehun­gen zwischen Kindern und Eltern aufzubauen hilft.

Kinder sind also nicht herablas­send bevormundend zu behandeln. Im Gegenteil: Ihre Anliegen und Bedürfnisse müssen sorgfältig berücksichtigt und befriedigt werden, soweit sich das mit anderen Bedingungen vereinbaren lässt.

Dabei kann es sich als günstig erweisen, wenn Kinder die Er­wachsenen mit ihren Vornamen ansprechen statt mit «Vati» oder «Mutti». Das ist für den Erwachse­nen eine ständige Erinnerung daran, seine geistige und körperli­che Überlegenheit nicht zu seinen Gunsten auszunutzen, wenn es ihm gerade gelegen kommt.

Schließlich sei noch auf einen letzten, wichtigen Aspekt des elterlichen Rollenverhaltens hingewiesen: Nachdem beide Elternteile abwechselnd verschie­dene Rollen übernehmen müssen, zum Beispiel Bezugsperson, Helfer, Tröster. Lehrer, Schmuse­partner, Ernährer, Erzieher usw., wäre es ungünstig, eine starre Rolleneinteilung einhalten zu wollen. Besser ist es, dass beide Elternteile jede dieser Rollen zumindest einigermaßen gut ausfüllen können.


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