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Der Schlaf

Eines ist sicher: Jeder Mensch braucht Schlaf, und der Körper »holt« ihn sich in der Regel auch. Der Zeitpunkt aber, zu dem man müde wird, »Schlaf braucht«, steht nicht von vornherein fest. Er wird »erlernt« durch Anpassung an natürliche Bedingungen und gesellschaftliche Gewohnheiten.

Die Gesellschaft entscheidet, wer wann müde ist

Die Festlegung, dass ein etwa achtstündiger Schlaf in der Nacht »ge­sund« ist, ist keineswegs nur durch die Natur erfolgt. Im ausgehenden Mittelalter etwa war es durchaus üblich, auch tagsüber neben Häusern, an Wegrändern oder auf Feldern zu schlafen. Der Schlaf am Tag, der in Mitteleuropa mit der Industrialisierung zum Inbe­griff der Faulheit und Arbeitsscheu geworden ist, ist in südlichen Ländern als »Siesta« immer noch üblich und erfüllt eine sehr nützliche Funktion: Das Schlaf-Wach-Verhalten wird so mit den dort herrschen­den klimatischen Bedingungen in Einklang gebracht. Abgeschiedenheit und Ruhe im Schlafraum sind für Mitteleuropäer selbstverständlich – das Fehlen dieser »normalen« Voraussetzungen ist oft sogar Auslöser für Schlafstörungen. Auch das ist ein Produkt sozialer und historischer Entwicklungen. Der Sozialwissenschaftler Peter Gleich­mann etwa beschreibt die Schlafgewohnheiten der bretonischen Bauern: Bis zum 19. Jahrhundert schliefen alle Familienmitglieder und auch die Bediensteten in einem einzigen großen Bett. Durchreisenden Besuchern wurde ebenfalls ein Platz im gemeinsamen Bett angeboten. Auch heute schlafen Millionen Menschen in anderen Kulturen ähnlich. Die uns bekannten und vertrauten »Schlafnormen« sind eigentlich nur in hochentwickelten Industrieländern anzutreffen.

Funktion des Schlafes

Wir tun es alle, aber niemand weiß eigentlich genau, wieso. Offenbar braucht der Mensch regelmäßig Schlaf für die Erholung von Körper und Geist. Wie das genau funktioniert, ist jedoch bis heute nicht restlos ge­klärt. Mit Schlafbeginn werden viele Körpervorgänge auf »Spar­flamme« gesetzt. Die Körpertemperatur fällt um einige Zehntel-Grade ab, Atmung und Puls werden langsamer, der Blutdruck sinkt. Das »Stresshormon« Cortisol findet sich in geringeren Konzentrationen im Blut, wenn wir schlafen. Wachstumshormone hingegen treten vermehrt auf. Möglicherweise aktivieren diese hormonellen Veränderungen nach Schlafbeginn Aufbauvorgänge im Stoffwechsel des menschlichen Körpers.

Die entscheidenden Vorgänge, die zur Erholung im Schlaf führen, sind jedoch von der Medizin bisher nicht entdeckt worden. Schlafforscher interpretieren den Schlaf eher vage als einen Anpassungsvorgang an die inneren Gegebenheiten eines Organismus. Die Ruhe schlafender Lebe­wesen kann auch als eine Art »Sparmaßnahme« aus Rücksicht auf die begrenzten Energiereserven eines Körpers verstanden werden.

Innere Uhr – gibt es die?

Wenn Menschen von allen äußeren Zeitgebern abgeschnitten werden, z. B. im Bunkerversuch oder unter der Mitternachtssonne ohne Uhr und Radio, dann stellt sich meist ein 25-Stunden-Rhythmus ein. Diese in­nere Uhr wird dann durch äußere Zeitgeber auf den 24-Stunden-Rhythmus gebracht, dem Mensch und Tier unterliegen. Bei Tieren ist der Wechsel von Hell und Dunkel ein wichtiger Zeitgeber, beim Menschen dagegen wird der 24-Stunden-Rhythmus vor allem durch soziale Aktivi­täten diktiert. Damit sind nicht nur Arbeit und Schule gemeint, son­dern auch gemeinsame Mahlzeiten, Freizeitaktivitäten etc. Von der Flexibilität der inneren Uhr erfahren wir bei längeren Flugreisen in Ost-West-Richtung: Am Ankunftsort unterliegen wir zunächst noch dem Tagesrhythmus des Abreiseortes. Dann aber holen wir jeden Tag etwas Zeit auf oder verlieren etwa eine Stunde, bis wir uns an den Rhythmus des Ankunftsortes angepasst haben.

Die »Innere Uhr« ist individuell sehr unterschiedlich eingestellt. Der englische Schlafforscher Jim Hornee und sein schwedischer Kollege Olov Oestborg haben in einer umfassenden Studie erhoben, dass »Abendmenschen« um rund eineinhalb Stunden später zu Bett gehen und fast zwei Stunden später aufstehen als »Morgenmenschen«. Diese Unterschiede zeigen sich auch während des Tages am Verlauf der Kör­pertemperatur. Beide »Typen« brauchen einen ihrem Körperrhythmus angepassten Schlaf.

Dementsprechend müssen auch Sprüche wie »Morgenstund hat Gold im Mund« oder Worte wie »Langschläfer«, die fast schon den Sinngehalt eines Schimpfwortes haben, eher als moralische Kategorien verstanden werden. Auch die These des »Naturschlafes«, nach der der Schlaf vor Mitternacht doppelt so erholsam sei wie danach, konnte bis heute nicht bewiesen werden.

Normaler Schlaf

Dementsprechend gibt es auch keine »normale« Schlafdauer. Einige er­wachsene Menschen brauchen nur sechs Stunden Schlaf, andere neun, um sich ausgeruht zu fühlen. Ein großer Teil der Erwachsenen mittleren Alters kommt allerdings mit acht Stunden ganz gut zurecht.

Schlaf in verschiedenen Lebensabschnitten

Der Säugling schläft in den ersten Tagen nach der Geburt zwei Drittel seiner Zeit. Schlaf- und Wachphasen wechseln einander annähernd re­gelmäßig ab. Erst allmählich beginnen sich längere Zeiten des Schlafes und Wachseins herauszubilden. Mit sechs Monaten schläft der Säugling in der Regel immer noch zehn bis zwölf Stunden täglich, ist aber meist schon während längerer Zeiten ununterbrochen wach und schläft grö­ßere Teile der Nacht durch. Es gibt allerdings große Unterschiede im individuellen Schlafbedürfnis.

Das Schlafbedürfnis während des Tages und später auch das während der Nacht nimmt mit zunehmendem Alter ständig ab. Es hängt allerdings von den äußeren Umständen ab, welche Schlaf­rhythmen sich herausbilden. In mittel- und nordeuropäischen Ländern werden Kinder schon relativ bald daran gewöhnt, tagsüber nicht zu schlafen. In Südeuropa oder auch in anderen heißen Gegenden ist der Mittagsschlaf wegen der oft recht großen Hitze eine bleibende Einrich­tung – in den kühleren Abend- und Nachtstunden wird dann erfrischt weitergelebt und – gearbeitet.

Ältere Menschen »dürfen« auch bei uns in Mitteleuropa wieder tagsüber schlafen. Das vermehrte Schlafen tagsüber ist dann mit einer Reduzie­rung des Nachtschlafes verbunden. Es ist allerdings nicht restlos geklärt, ob sich die gesamte Schlafzeit im Alter ändert. Es ist anzunehmen, dass bis zu einem Alter von 70 Jahren die durchschnittliche Schlafzeit norma­lerweise auf fünf bis sechs Stunden täglich absinkt. Das häufigere Ein­nicken älterer Leute und das oftmalige Aufwachen während der Nacht führt wieder zu einem Schlafmuster, das dem der Kleinkinder ähnlich ist – der Schlaf wird über den ganzen Tag verteilt.

Schlafphasen

Die Beobachtung der hirnelektrischen Wellen durch das Elektroenzephalogramm (EEG) hat ergeben, dass der Schlaf in verschiedenen Sta­dien abläuft. Das vorherrschende Bild der typischen Schlafwellen im Tiefschlaf wird im Laufe der Nacht vier- bis fünfmal von Phasen eines dem Wachzustand ähnlichen EEGs durchbrochen, in denen auch die Augen bei geschlossenen Lidern hin- und herbewegt werden. In diesen Schlafphasen ist der Schläfer kaum zu wecken, seine Muskeln (mit Aus­nahme der Augen) werden ganz schlaff. Diese Phasen werden REM-Schlaf (»rapid eye movement«) genannt. Wird ein Schlafender unmittel­bar in einer REM-Phase geweckt, dann berichtet er häufig, gerade ge­träumt zu haben. Beim Erwachsenen treten REM-Phasen im Abstand von ca. 90 Minuten auf und addieren sich zu ca. 20 bis 25 Prozent der gesamten Schlafdauer. Beim Säugling ist der REM-Schlaf viel häufiger. Es konnte durch Untersuchungen festgestellt werden, dass die REM-Phasen für die Regeneration von ebenso großer Bedeutung sind wie die Phasen des Tiefschlafes. Die ständige Unterdrückung des REM-Schlafes – etwa durch Alkohol oder Medikamente – kann zu psychischen Stö­rungen führen. Insgesamt scheint es so zu sein, dass das morgendliche Gefühl, ausgeruht zu sein, von einem günstigen Verhältnis der beiden Schlafphasen zueinander abhängt.

Träumereien

Jeder Mensch träumt mehrmals während einer Nacht. Auch die, die sich daran nie erinnern können. Alle Menschen vergessen den größten Teil ihrer Träume. Es bleiben höchstens einige in Erinnerung. Die meisten Träume sind eher banal. Amerikanische Studien haben gezeigt, dass nur ein kleiner Teil der Träume jene bizarren und phantastischen Züge trägt, die gewöhnlich mit Träumen verbunden werden. Früher wurde angenommen, dass nur im REM-Schlaf geträumt wird. Er wurde deshalb auch als Traumschlaf bezeichnet. Mittlerweile ist geklärt: Es wird offenbar in allen Schlafphasen geträumt. Den einzigen Unter­schied formuliert der Schweizer Schlafforscher Alexander Borbely so: »Traumberichte aus dem REM-Schlaf sind im allgemeinen lebhafter, bi­zarrer, komplexer und gefühlsbetonter als solche aus dem Tiefschlaf, in welchem eher rationale, realistische und gedankenähnliche Erlebnisse vorkommen«.

Träume sind offenbar für die Bewältigung der Ereignisse am Tag von Bedeutung – der Sinn der Träume ist jedoch oft nicht unmittelbar zu erkennen. Laut Sigmund Freud hat der Trauminhalt nicht nur die offen­sichtliche Seite, die in den Traumberichten zum Ausdruck kommt, son­dern zusätzlich noch Aspekte, die nicht ohne weiteres zu erkennen sind. Träume sind eine Art »Briefe an sich selbst«. Der Traum spricht eine Bildsprache, deren Regeln von der gesprochenen Sprache abweichen. Die Auseinandersetzung mit den Träumen bietet für die Psychoanalyse wichtige Anhaltspunkte.

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