Artikelmagazin

alles was Sie wissen wollen

Die divinatorische Kunst

Unsere Epoche rühmt sich des Positivismus und trotzdem sind viele unter uns oft Wahr­sager, ohne es zu wissen. Jener hat Erfolg im Leben dank seinem „guten Riecher”; er ahnt, was für ihn von Vorteil ist und handelt da­nach. Ein anderer bereichert sich dank seinem „Gespür” für gewinnbringende Spekulatio­nen. So haben gewisse Investoren ihren Reich­tum dank der Intuition ihrer Frau erworben. Wir kennen die Berichte von Soldaten, die einen Ort nach einer plötzlichen Eingebung verließen, gerade bevor dort eine Bombe ex­plodierte.

Im letzten Fall handelt es sich um spontane Divination. Sie gehorcht keinen Regeln bewusster divinatorischer Kunst, nach der man sich bei Unentschlossenheit richten kann. Gibt es überhaupt eine Kunst, die auf der Ent­wicklung der Intuition und auf einer ausge­bildeten Hellsicht gründet? Manifestiert sich das Hellsehen in der Regel nicht unabhängig von einer vorbereitenden Ausbildung? In der Geschichtsforschung und Archäologie konnte zweifelsfrei nachgewiesen werden, dass eine solche Kunst in ferner Vergangen­heit existierte. Können wir heute noch eine richtige Vorstellung davon haben und ihre Grundlagen wiederentdecken? Dieses Unter­fangen ist nicht utopisch, wie wir anhand un­serer persönlichen Erfahrung demonstrieren werden.

Die Theorie ist einfach. Wenn Sie über eine lebhafte, aber ungezügelte Vorstellungskraft verfügen, so versuchen Sie, diese zu diszipli­nieren. Lehren Sie die Intuition, sich auszuru­hen und sich zurückzuhalten; reinigen Sie sie gleichzeitig von allem, was sie trüben könnte, machen Sie sie ruhig und klar. Erst dann las­sen Sie alles, was Sie interessiert, in ihr reflek­tieren. Das ist einfach gesagt, aber sehr schwer in die Praxis umzusetzen. Für den zeitgenössischen, betriebsamen Men­schen ist das Schwierigste, innerlich ruhig zu sein und zu schweigen. Wie können wir un­ser Denken zum Schweigen bringen und gei­stig passiv werden? Unsere fernen Vorfahren konnten einfach ihre Augen schließen, worauf sich fast gleichzeitig ihr inneres Auge öffnete. Anders als wir, konnten sie sich von der sinn­lich wahrnehmbaren Welt lösen und in die imaginative Sammlung vertiefen. Üben wir uns darin, die Umgebung zu vergessen, um den subtilen Manifestationen dessen zu lau­schen, was in uns widerhallt. Könnten wir das Ideal rezeptiver Neutralität verwirklichen, so würden unsere Eindrücke genau dem zu erfassenden Objekt entspre­chen. Von diesem Gegenstand gehen Schwin­gungen aus, die denen des Lichts ähnlich sind, die jedoch nur von der Vorstellung wahrge­nommen werden können. Unsere Imagination reagiert in dieser Hinsicht wie eine fotografi­sche Platte.

Hellsehen bedeutet also: die Bilder, die um uns vibrieren, getreu zu erfassen. Dies ist au­ßerordentlich schwierig, weil der Spiegel der Imagination oft ein verzerrtes Bild abgibt. Emotionen, Wünsche, Zuneigung und Angst sind Trübungs- und Verzerrungselemente. Die bloße Tatsache, an der Antwort des Orakels interessiert zu sein, schafft ungünstige Bedingungen, und gewöhnlich sieht man für andere klarer als für sich selbst. Da die Vorstellungskraft wie ein Registrier­apparat funktioniert, kann die Neugierde der Fragenden nicht immer befriedigt werden: Wenn nichts vibriert, das sie betrifft, so kann ihnen nichts mitgeteilt werden. In dem Fall sollte man nicht insistieren; dies würde be­deuten, dass man eine Antwort provoziert, die möglicherweise nur noch wenig mit Divination zu tun hat. Was spontan geäußert wird, verdient größere Aufmerksamkeit als die Enthüllungen, die den Wahrsagenden mehr oder weniger entlockt wurden. Die Hellsichtigkeit beim Hellsehen hängt von der fragenden Person ab. Es gibt Menschen, die den divinatorischen Mechanismus stören, sei es, weil ihre Schwingungen die Wellen neutralisieren, die das Medium aufnehmen sollte, oder sei es aus einem anderen Grund. In einem solchen Fall fühlt sich die Hellsehe­rin oder der Hellseher unwohl und wird leicht irritiert, was sie erst recht unfähig macht, richtig zu arbeiten.

Umgekehrt können die Fragenden eine für die Divination günstige psychische Atmo­sphäre mit sich bringen. Wer wahrsagt, wird dann zum Übermittler der telepathischen Meldungen, die ihm der Empfänger mitteilt, wie bei ungeöffneten Briefen oder bei Nach­richten, deren Bedeutung zunächst unver­ständlich blieb. In einer gewöhnlichen divi­natorischen Sitzung sollte man nicht eine Enthüllung oder Prophezeiung erwarten.

Verlangen wir von der Divination nur das, was sie bieten kann. Eine feste Absicht, ein definitiv festgelegtes Projekt können eine noch nicht vollbrachte Tat anzeigen. Daraus ergeben sich Umstände, die zu diesem be­stimmten Ereignis führen oder auch nicht; denn schließlich kann die Ausführung der Handlung durch ein Motiv, das im Augen­blick der Vorhersage noch nicht manifest war, verhindert werden. Es geziemt sich daher, sich in Bezug auf die Zukunft zurückzuhal­ten und nur die Gegenwart zu durchschauen, insofern diese unbekannt ist und es nützlich ist, sie zu erhellen.

Das Medium, das seine rezeptiven Antennen ausstreckt, kann nur das Schwingende erfas­sen, es ist nicht verantwortlich für den Man­gel an Botschaften. Sein Ego soll sich denn auch nicht einmischen, wenn nichts in seinem Wahrnehmungsbereich erscheint. Vor allem soll es sich davor hüten, die Zwei­felnden bekehren zu wollen. Niemand ist verpflichtet zu glauben, dass durch Wahrsagen Wahres gesagt wird. Dafür den experimentel­len Beweis zu erbringen, ist nicht das Ziel der Divination.

Wer wahrsagt, wird zur Priesterin oder zum Priester. Es geht ihnen nicht darum, den Fra­genden mit Bewunderung zu erfüllen. In ihnen brennt das heilige Feuer. Sie möchten nützlich sein, helfen, gute Ratschläge erteilen, Menschen aus der Unentschlossenheit füh­ren und befreien.

Kommentarfunktion ist deaktiviert

Copyright © 2017 by: ArtikelmagazinImpressum • Lizenz: Creative Commons BY-NC-SA.