Artikelmagazin

alles was Sie wissen wollen

Die Geschichte des Essigs

Essig in alten Kulturen

Essig können die Menschen herstellen, seit sie erkannt haben, dass sich alkoholische Getränke wie Wein oder Apfelwein, wenn sie an der Luft fermentieren, in Essig verwandeln. Schon in der Bibel, im Alten und im Neuen Testament, ist mehrmals von Apfelwein und von Essig die Rede. Ägypter, Assyrer, Babylonier, Israeliten, Griechen, Rö­mer und Germanen kannten den Essig und schätzten ihn, um damit saure Speisen zuzubereiten, um Fleisch, Fisch und Gemüse zu konser­vieren, als durststillendes Getränk sowie als Arzneimittel. Auch als Zartmacher für Fleisch und zum Reinigen der Tongefäße ließ sich Essig verwenden. Vor Erfindung der Holzfässer setzte man den Essig übri­gens in bauchigen Tonkrügen an.

Essig im Medizinschrank der Antike

Vom Volk der Babylonier ist bekannt, dass es um 5 000 v. Chr. die hei­lenden Eigenschaften eines Essigs schätzte, der aus den Früchten der Dattelpalme hergestellt wurde. Sie legten auch ihre Jagdbeute in Essig ein, damit sie nicht so schnell verdarb. In einer Schrift der alten Assy­rer ist von Essigumschlägen die Rede, mit denen Ohrenschmerzen be­handelt wurden.

Die Phönizier tranken Shekar, einen milden Apfelessig. Sie kamen wohl rein zufällig zu diesem Getränk, da es ihnen nicht gelang, Apfel­wein zu konservieren. In der Antike wurden besonders die heilenden Eigenschaften des Es­sigs geschätzt. Man verwendete ihn äußerlich zum Desinfizieren von Wunden, als Umschlag bei Prellungen und Blutergüssen, gegen Insek­tenstiche und Schlangenbisse. Man trank Essigwasser gegen Fieber und um die Wundheilung voranzutreiben, zur Verdauungsförderung und inneren Reinigung.

Hannibal nahm Essig mit auf den Feldzug

Von dem karthagischen Feldherrn Hannibal (247-183 v. Chr.) ist eine erstaunliche Problemlösung mit Essig überliefert. Als Hannibal mit seinem Heer und den berühmten Kriegselefanten die Alpen überquerte, versperrten häufig große Felsbrocken den Weg. Für Elefanten, die im Gegensatz zu Pferden keine höheren Stufen steigen können, ein unüberwindliches Hindernis. Deshalb ließ der Feldherr um die Felsen herum Feuer entzünden und, als die Steine richtig heiß waren, Essig darüber gießen. Dadurch ließen sich die Steine »erwei­chen«, sie konnten leicht auseinandergebrochen und aus dem Weg geräumt werden.

Kleopatra nutzte den Essig auf ihre Weise

Die ägyptische Königin Kleopatra (69-30 v. Chr.) liebte bekanntlich Wettspiele aller Art. Einmal gewann sie eine Wette, bei der sie behaup­tet hatte, sie könne ganz allein während einer einzigen Mahlzeit den Gegenwert von einer Million Sesterzen verzehren. Das war eine unge­heure Menge Geld, etwa so viel, wie ein »normaler« Ägypter in vier, fünf Jahren verdiente. Es war undenkbar, dass ein einzelner Mensch so viel essen und trinken konnte, auch nicht die Gottkönigin. Doch Kleo­patra bediente sich eines Tricks: Sie legte Perlen im Wert von einer Mil­lion Sesterzen in ein Glas voll Essig. Während der Festvorbereitungen, also in der Zeit, in der Einladungen ausgesprochen, Speisen gekocht, Räume dekoriert und Tische gedeckt wurden, lösten sich die Perlen im Essig auf. Zu Beginn des Mahls trank die Königin das »perlende« Getränk, und in wenigen Augenblicken war sie Wettsiegerin. Das einfache ägyptische Volk bevorzugte übrigens essigsaures Bier, das Hequa hieß und aus einer rötlichen Gerstenart gebraut wurde.

Posca bei den Römern

Die Römer stellten Essig aus Trauben, Feigen oder einer bestimmten Gerstenart her. Überliefert ist die Herstellung der drei Essigarten in dem großen Buch über Ackerbau und Hauswirtschaft, »De re rustica«, von Columella aus dem Jahre 50 n. Chr. Die römischen Legionäre tran­ken täglich, wenn sie unterwegs waren, ein Essig-Wasser-Gemisch, das sie Posca nannten. Das Getränk war ein hervorragender Durstlöscher, diente aber auch der innerlichen Desinfektion. Ein römischer Legionär erbarmte sich auch des am Kreuz hängenden Jesus Christus und reich­te ihm einen in Essigwasser getauchten Schwamm an einem Stiel, da­mit er seinen Durst stillen konnte. Das stellte nach damaligem Ver­ständnis keine zusätzliche Folter dar, wie viele heute meinen, sondern war ein Akt der Nächstenliebe.

Im Mittelalter liebte man es sauer

In den letzten Jahren findet man auch wieder zunehmend viele und unterschiedlich gewürzte Essigsorten in den Regalen der Lebensmittelgeschäfte. Die Lehren der heilkundigen Hildegard von Bingen (1098-1179) erleben heute eine Renaissance. Dazu gehört auch die Anwendung von Apfelessig bei Krankheiten.

Im Mittelalter enthielten zahllose Gerichte Essig oder Sauerwein in großer Menge. Das Saure machte fette Speisen leichter verdaulich, und sie verdarben auch nicht so schnell, was in einer Zeit ohne Kühl­schränke und chemische Konservierungsstoffe äußerst wichtig war. Man schätzte neben dem Apfelessig auch einen Weinessig, der mit Holunder und Himbeeren, Orangenblüten oder Rosenknospen ver­edelt wurde. Man reicherte den Essig auch gerne mit wohlriechenden Heilkräutern und Gewürzen an und verwendete ihn dann als Kräuter­essig, z.B. Anisessig, Estragonessig, Nelken- oder Zimtessig. Es gab spezielle Straßenhändler, die Essig verkauften, die sogenannten Essigträger. Sie füllten den Essig aus Holzfässern, die sie auf ihren Wa­gen hatten, direkt in die Gefäße, die die Hausfrauen dafür bereithiel­ten. In der Küche wurden Gurken, Kohl, Kapern, Melonen, Portulak, auch Trüffel und sogar Veilchen in Essig eingelegt. Essig war in dieser Zeit ein so begehrtes Gut, dass er schon bald besteuert wurde. Sauerwein aus wilden Äpfeln war ein beliebtes Getränk des Mittelalters für einfache Leute. Er wurde mit Zucker, Rosenwasser und Essig gewürzt. Im Winter bestand der Sauerwein aus Wein oder schwachem Essig, der mit Senf, Rauke, Gewürznelken, Salbei, Minze, Petersilie, Ingwer, Pfeffer, Zimt und Knoblauch kräftig gewürzt wurde. »Sauer­wein ist der Gesundheit äußerst zuträglich, wenn er nicht zu lange gelagert wird«, schrieb Abt Antöine Furetiere im »Dictionnaire universel« unter dem Stichwort »sidre« (Wein aus Äpfeln). Hildegard von Bingen (1098-1179), die große Gelehrte und Mystike­rin des Mittelalters, war eine heilkundige Klosterfrau. Der Wert ihrer natürlichen Rezepte und Heilmethoden wird gerade heute wieder hoch eingeschätzt. Hildegard kannte die heilende Wirkung des Essigs. Sie empfahl ihn vor allem wegen seiner günstigen Wirkung für die Verdauung: »Essig reinigt das Stinkende im Menschen und sorgt dafür, dass sein Essen den rechten Weg geht. « Als in Europa immer wieder die Pest wütete, pflegten sich die Pestärzte mit Essig vor Ansteckung zu schützen. Wegen seiner desinfizierenden Wirkung setzten sie Essig auch bei der Pestbehandlung ein.

Gesundheitsessig

Um 1750 hatte Monsieur Maille, der königliche Essig- und Senfliefe­rant des französischen Hofs, bereits 55 verschiedene Essigsorten im Sortiment, darunter einen »Gesundheitsessig« aus wilden Rosen, Chi­coree und Günsel. Die Damen der französischen Gesellschaft, die auf­grund der eng geschnürten Korsette häufig in Ohnmacht fielen, gaben übrigens gerne Essig in ihre Riechfläschchen. Der säuerliche Geruch ließ ihre Lebensgeister bald wieder zurückkehren Bekannt ist, dass sich der englische Dichter Lord George Byron (1788-1824) eine Zeitlang nur von einem Essig-Wasser-Getränk und Zwieback ernährte, um auf diese Weise sein Gewicht zu verringern. Im 19. und 20. Jahrhundert stand die heilende Wirkung des Essigs im Vordergrund. Und bis in die fünfziger, sechziger Jahre bekamen in ein­fachen Kreisen Kinder Essigwasser gegen den Durst statt der viel teure­ren, dafür aber wesentlich weniger gesunden Limonade. Übrigens ist in Osteuropa Essigwasser noch heute auf dem Lande ein beliebtes Er­frischungsgetränk.

Kommentarfunktion ist deaktiviert

Copyright © 2017 by: ArtikelmagazinImpressum • Lizenz: Creative Commons BY-NC-SA.