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Die Imagination

Die Legende besagt, die Menschheit sei aus einem goldenen Zeitalter herabgesunken. Sie spielt wohl an eine „paradiesische” Zeit an, als die Menschen noch in Harmonie mit der Natur lebten. Die Natur umsorgt die Wesen, die ihr passiv gehorchen, und bringt sie dazu, ihr Lebensprogramm fehlerfrei umzusetzen. Die Tiere verfügen über instinktives Wissen, das der Mensch verloren hat. Der Verstand trübt die Klarheit des Instinkts. Solange die Wesen ihren Trieben gehorchen, genießen sie Privilegien, die sie verlieren, wenn sie sich nach ihrer eigenen Vorstellung verhalten wol­len. Sobald das Individuum von der schwa­chen Vernunft geleitet wird, revoltiert es gegen die natürliche Weltordnung. Als unvollständig vernünftige Kreaturen ist uns eine mühevolle Lehrzeit auferlegt, denn die Vernunft entwickelt sich nur auf Kosten des Instinkts, und dieser verdunkelt sich, bevor in uns die volle Klarheit der Vernunft herrscht. So erleben wir eine Periode der Ver­zweiflung; der Übergang wäre beängstigend ohne eine Gabe, die weder Instinkt noch Vernunft ist, sondern dazwischen zu stehen scheint. Die Fähigkeit erscheint, sobald die Einsicht erwacht; ihr vages Licht zerstreut, bevor es belehrt. Wir nehmen zuerst nur zusammenhanglose Bilder wahr, doch faszi­nieren sie, und aus ihnen gehen die Ideen hervor. Diese Gabe ist die Imagination oder Vorstellungskraft.

Hüten wir uns davor, sie nicht ernst zu neh­men: Während Jahrtausenden wurde sie in großen Ehren gehalten. Wir schulden ihr die fundamentalen Erkenntnisse der Mensch­heit, die Urkonzeption unserer Religionen und Wissenschaften, denn der erste Schim­mer, die ursprüngliche, schwache Klarheit im menschlichen Geist wurde von unseren de­mütigen Vorfahren intuitiv erfasst. Nachdem der Mensch die reine Triebhaftig­keit überwunden hatte, stellte er sich wahr­scheinlich nicht als erstes philosophische Fra­gen. Vom Schauspiel der Natur überwältigt, empfing er Eindrücke, denen er sich hingab, ohne darüber nachzudenken. Die Dinge übten auf seine Imagination eine Suggestionskraft aus, die durch nichts behindert wurde. Daraus ergab sich eine außerordentliche Vor­stellungsgabe. Heute können wir sie bei Kin­dern oder bei Menschen mit einer kindlichen Mentalität mit Staunen beobachten. Über diese Gaben verfügten unsere Urahnen. Sie dachten nicht eigentlich: sie träumten. An­statt sich in diskursiven Gedanken zu verlie­ren, waren sie passiv-aufnehmend gegenüber dem, was ihnen in den Sinn kam. Sie ließen die Bilder aufsteigen und betrachteten sie als wahr.

Das ist sehr gefährlich. Sich selbst überlassen, neigt die Imagination zur Übertreibung; da­her ist es nicht anzuraten, sie als Richter über unsere Entscheidungen einzusetzen. Alte Völker, deren Kultur wir bewundern, haben auf die Imagination gehört. Sie befrag­ten das Orakel und verehrten die Wahrsager, welche die Orakel zu deuten wussten. Diese waren nicht Philosophen, sondern Zauber­priester, die Vorfahren der Medizinmänner.

Da der instinktive Glaube absolut ist, drang die Autorität der hellsichtigen Menschen durch: Sie wurden ganz natürlich zu Priester­königen, wie die ersten historischen Herr­scher Ägyptens und Mesopotamiens. Ihre Macht wurde im Namen der Gottheit ausgeübt, die ihren Willen durch die Vermitt­lung der Wahrsager kundtat. In Anbetracht ihrer Dauer gab diese Regierungsform nicht zu mehr Missbräuchen Anlass als die darauf folgenden. Die Kelten beklagten sich nicht über die Druiden, und einige weltliche Regie­rungen weckten die Sehnsucht nach der ver­gangenen theokratischen Herrschaftsform. Wahrscheinlich ging alles gut, solange die Wahrsager ehrlich und die Völker gläubig waren. Als die einen wie die anderen zu zwei­feln begannen, verschlechterte sich die Situa­tion. Die Vernunft erwachte in der Form der Hinterlist; die Wahrsager wurden Komplizen der Mächtigen – zum Schaden der Gläubigen. Die divinatorische Kunst ging verloren und wurde verteufelt oder verachtet. Als offiziel­les und öffentliches Amt gibt es sie längst nicht mehr. Doch die private Wahrsagerei blühte nie so sehr wie heutzutage.

Stellt dies für den modernen Geist ein Zei­chen des Verfalls dar? Fallen wir in die gei­stige Kindheit zurück, nachdem wir im 18. Jahrhundert geschworen haben, alles dem Kult der Vernunft zu opfern? Dem ist nicht so: Wir schreiten geistig voran, wenn wir ent­decken, dass die Imagination die Schwester der Vernunft ist.

Wir sollten zwar vernunftmäßig denken, uns jedoch nicht länger verbieten, unsere Vorstel­lungskraft zu pflegen. Den Alten wurde in der Schule die Imagina­tion gelehrt, weshalb sie Dinge erkannten, die uns entgehen. Warum sollten wir nicht danach streben, ihre verlorene Sprache, das verlorene Wort wiederzufinden? Um dies zu verwirklichen, müssen wir wahr­sagen lernen, indem wir uns über die Regeln der Divination belehren lassen – und wir müssen uns darin üben, die divinatorische Kunst zu praktizieren.

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