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Eine kleine Tarotkunde

In der Esoterik wird den 22 Großen Arkana oder Schlüsseln des Tarot größte Wichtigkeit beigemessen, da ihre Bilder als Ganzes ein Lehrbuch esoterischer Einweihung darstel­len. Abhandlungen wie der Tarot, in denen sich der Text auf die Kapitelüberschriften be­schränkt, bleiben für jene stumm, denen es nicht gelingt, sie zum Sprechen zu bringen. Hingegen reden sie – und zwar mit wunder­barer Beredsamkeit – zu jenen, die sie mit Scharfsinn zu befragen wissen. Leider haben wir verlernt, uns durch das reine Betrachten der Dinge zu sinnvollen Überlegungen anre­gen zu lassen. Das Buch der Natur bleibt für uns mit sieben Siegeln verschlossen; seine Bilder verwirren uns, da wir nur noch Worte verstehen; wir sind blind und unwissend ge­worden.

Früher war dies anders. Die menschliche Sprache ist erst seit kurzem linear und ratio­nal. Die ersten Denker verbrachten ihre Zeit nicht mit abstrakten Ideen. Sie zeichneten die Worte, um ihre Träume und Visionen festzu­halten. Um sich ihre Vorstellungen mitzutei­len, schufen sie eine Sprache für Eingeweihte; sie erfanden keine neuen Begriffe, sondern befreiten die herkömmlichen Wörter von ihrer gewöhnlichen Bedeutung, um sie mit einem geheimnisvollen, nur für Weise ver­ständlichen Sinn zu erfüllen. So entstand die Allegorik, die Bildersprache, die sich sinn­bildlich und gleichnishaft ausdrückt und der sich alle Meister bedienten. Diese Sprache entwickelte und verfeinerte sich im Laufe der Zeit, um den Bedürfnissen der Dialektik besser gerecht zu werden. Ge­schwätzige Völker gefielen sich in der Wort­gymnastik und bescherten uns das Reich der Worte, das seinen Höhepunkt mit der Schola­stik erreichte.

Das Übermaß eines steril diskutierenden Ver­balismus musste als Reaktion eine Rückkehr zum stillen Nachdenken provozieren, eine Meditation, die nicht auf Wörtern und Sätzen basierte, auf Definitionen und Argumenten, sondern auf der einzigartigen, Erinnerungen wachrufenden Magie der Symbole. Vergeb­licher Streitgespräche müde, zogen sich vi­sionäre Denker zurück und überließen sich ihren Träumen. Die Kraft der Imagination hat Dichter wie die Minnesänger und Künstler wie die Baumeister der Kathedralen hervor­gebracht. Dies gilt auch für die rätselhaften Kompositionen der bescheidenen Bildermaler (frz.: imagiers), die auf geheimnisvolle Weise inspiriert waren.

Von deren Kunst hat ein Meisterwerk über­lebt: der Tarot. Seine scheinbar naiven Bilder zeugen von geheimer Weisheit, als hätten sich die Raffinesse der Hermetik, der Kabbala und anderer ungewisser Traditionen in dieser Ab­folge von 22 Arkana verkörpert. Um dieses seltsame Bauwerk zu würdigen, geziemt es sich, es ausführlich zu studieren. Das vorliegende Werk wird dem Suchenden, der nicht vor persönlicher Anstrengung zu­rückschreckt, die Aufgabe erleichtern. Die In­terpretationen der Symbole, dieser zum Un­endlichen geöffneten Fenster, dürfen nur als Hinweise bewertet werden – sie können das Sujet niemals erschöpfen. Sie wenden sich an diejenigen, die sich ihrer zu bedienen wissen. Wer sie nur wiederholt, wendet sie nicht an. Das Ziel ist, den Tarot zum Reden zu bringen; doch sprechen die Arkana nur zu denen, die sie zu verstehen gelernt haben. Wollen wir den Tarot, der nicht nur mit der Vernunft zu erfassen ist, mit Erfolg befragen, müssen wir unser Auffassungsvermögen weiterent­wickeln. Dann erst lehrt er uns – anhand eines wahrhaften Alphabets der Imagination – rich­tig zu imaginieren.

Hat der Leser den Ehrgeiz, seine imaginati­ven Fähigkeiten in geordnete Bahnen zu len­ken? Ist er bereit, eine Kunst zu erlernen, die einst in Ehren gehalten wurde, die jedoch nicht mehr beachtet wird, seit wir glauben, das Verstandesdenken allein führe die Mensch­heit zu Wissen und Weisheit? Sind die Sym­bole des Tarot für den heutigen wahren Adepten, der das Mysterium erforschen und die Unwissenheit überwinden will, nicht der beste Führer?

Im Tarot sind die Symbole so miteinander kombiniert, dass der scharfsinnige Geist ihre geheime Bedeutung enthüllen kann; sie füh­ren zur Entdeckung der Geheimnisse einer Welt, die keine engstirnigen objektiven Fest­stellungen kennt. Zuerst aber müssen sie ent­ziffert werden. Wie? Mit welcher Methode? Ich versuchte diese Frage zu beantworten, indem ich den ersten Teil dieses Buches einer methodischen Darlegung widmete. Dieser trockene Überblick schreckt vielleicht die un­geduldigen Leser ab: Sie sind versucht, sich nicht zu lange damit aufzuhalten, und möch­ten möglichst schnell von den Ergebnissen der Methode profitieren, welche im zweiten Teil aufgezeigt werden. Die kondensierte In­terpretation der Symbolik der 22 Arkana wür­de ihnen genügen, um sofort mit Hilfe des Tarot wahrzusagen.

Welch armselige Divination würden jedoch jene praktizieren, die so in Eile sind. Man wird nicht aus dem Stegreif zum Wahrsager; sogar wenn man die Fähigkeit besitzt wahr­zusagen, muss man sie pflegen, bevor man sie wirklich benutzen kann. Wie jedes Handwerk kennt auch die Divination gewisse Regeln. Soll der Tarot als ideales Mittel zur divinatorischen Kunst dienen, muss er entsprechend von einem Künstler gehandhabt werden. Die folgenden Artikel dieser Reihe enthalten die Anwei­sungen zum fachgemäßen Umgang mit die­sem speziellen Werkzeug. Dem neugierigen Leser, der den Tarot, dieses Lehrbuch esoteri­scher Einweihung, studieren will, bieten sie Anhaltspunkte. Indem wir den Tarot – ein cha­rakteristisches Werk des Mittelalters – in sein wahres Licht rücken, verweisen wir auf das verkannte Genie einer gemeinhin als „finster” geltenden Epoche. Der Tarot stellt eines der Meisterwerke dieser Zeit dar, die das Dunkel unserer westlichen Welt wie Sterne von erha­bener Idealität erhellen.

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