Geschichte des Fastens und der Fastenzeit

Die Fastenzeit hat eine jahrtausendalte Tradition. Es ist eine Zeit der Enthaltsam­keit, die fest im Kalender der großen Weltreligionen, meist vor Feiertagen, ver­ankert ist. Ziel ist immer, auf leibliche Genüsse zu verzichten, um Platz für spi­rituelle Erfahrungen zu schaffen, aber nicht zu hungern. Die christliche Fasten­zeit reicht von Aschermittwoch bis zum Karsamstag. Nach dem Karneval wird für 40 Werktage dem „Fleisch Lebewohl” ge­sagt, so die Übersetzung des lateinischen „Carne vale”. Auch der Begriff „Fast­nacht” als „Vorabend der Fastenzeit” er­innert an die alte Tradition. Angehörige des Islam fasten tagsüber während des Monats Ramadan. Der bekannteste Fastentag der Juden ist der Jom Kippur, der Große Versöhnungstag. Auch das Fas­ten aus Trauer oder als Zeichen der De­mütigung vor Gott ist sowohl im Juden­tum als auch im Islam bekannt.

Religiöses Fasten meint ein Fasten, das nicht nur einen körperlichen, ge­sundheitlichen Aspekt beinhaltet. Es ist ein ganzheitliches Fasten, das den gan­zen Menschen in Anspruch nimmt, also neben seinem Körper auch seine Gefüh­le, seine Gedanken, seine Handlungen -und seinen Glauben. Es gibt viele Beweg­gründe, warum Menschen fasten. Um das christlich geprägte, religiöse Fasten in Deutschland soll es in diesem Artikel gehen.

Religiöser Nahrungsverzicht umfasst Körper, Geist und Seele

Die traditionelle christliche Fastenzeit sind die sieben Wochen zwischen Ascher­mittwoch und Ostern. In dieser Zeit be­teiligt sich jeder fünfte Deutsche an Fas­tenaktionen. Meistens heißt das, dass auf bestimmte Nahrungs- und Genussmittel verzichtet wird, insbesondere werden Al­kohol, Süßigkeiten oder Zigaretten weg­gelassen. Neben diesen 20 Prozent der Bundesbürger nehmen aber 80 Prozent auch während dieser Fastenzeit Süßes, Alkohol und Nikotin zu sich. Das ist die deutliche Mehrheit.

Der sprachliche Ursprung des Wortes „Fasten”:

Schon die sprachliche Wurzel des deut­schen Wortes „Fasten” zeigt, dass es beim Fasten immer schon um mehr ging als nur um den Verzicht auf Nahrung. Die genauen Ursprünge dieser uralten Praxis der Menschen sind nicht bekannt. Aber immer schon waren in der Geschichte der Religionen religiöse Vorstellungen und Ziele mit dem Fasten verbunden. Die germanische Wurzel „fest” meint „festhalten”. Gebote der Enthal­tung von bestimmten oder gar allen Spei­sen für einen festgelegten Zeitraum wer­den fest-, also eingehalten. Zusätzlich müssen kultische, rituelle und religiöse Vorschriften und Regeln beachtet wer­den. Auch im Gotischen hat das Fasten einen sprachlichen Ursprung, „fastan” hat jedoch eine doppelte Bedeutung: Auch hier meint es „festhalten”, daneben wird es im Sinne von „anhalten” und „in­nehalten” gebraucht. Diesen weiteren Wortsinn hat es in der Praxis vieler Reli­gionen bewahrt. So weisen die Ursprün­ge des Wortes „Fasten” auf ein dreifaches Halten: festhalten, anhalten und innehal­ten.

In der Hektik des Alltags wird angehal­ten, sich Zeit genommen zum Nachden­ken über sich selbst, sein Lebensziel, sei­ne Beziehungen zu anderen Menschen und zu Gott. Der fastende Mensch hält inne und wendet sich ab von der Betrieb­samkeit, den Alltäglichkeiten seines All­tags, um sich selber zu spüren und neu zu orientieren. Er kann sich an körperli­chen, geistigen, ethischen und religiösen Regeln und Vorschriften festhalten, die ihm in dieser Zeit Orientierung geben.

(Fest-)Halten und (Los-)Lassen „Loslassen” – zunächst vom Essen und seinen Genüssen, aber auch von man­chen Verpflichtungen, angeblichen Erfor­dernissen, lieb gewonnenen Gewohnhei­ten, von der Hektik des Alltags, eingefah­renen Verhaltensweisen und von meinem Drang „Was-ich-noch-alles-tun-muss”, von schneller Befriedigung und Erledi­gung. Fasten verlangt dieses Loslassen, doch es erleichtert auch, manches in un­serem Lebensalltag leichter loszulassen.

„Sich einlassen” – auf das Fasten, für das ich mich entschieden habe, auf die notwendigen Regeln, die Herausfor­derung körperlicher und seelischer Ver­änderungen, die lebensorientierten und religiösen Textimpulse, die Entspan­nungsübungen, meine Erfahrungen, eventuell meine Mitfaster in der Gruppe und schließlich auf meine Beziehung zu Gott. „Sich einzulassen” auf die Zeit des Fastens und die damit verbundenen neu­en und oft befreienden Erfahrungen

„Innehalten” und den Alltag zu un­terbrechen; sich Zeit zu nehmen, um über sich, seine Beziehungen zu den Mit­menschen und Gott nachzudenken; „Los­zulassen” von Nahrungs- und von man­chen bisherigen Lebensgewohnheiten.

„Festhalten” an bestimmten Re­geln und Anregungen für ein körperli­ches, psychisch-seelisches, religiös-geisti­ges und soziales Fest.

Fasten als christlicher Brauch

Nach christlichem Verständnis bereitet sich der Mensch durch das Fasten auf das Osterfest vor. Am Aschermittwoch be­ginnt diese 40 Tage währende (die Sonntage zählen nicht mit dazu). In dieser Zeit wurde ursprünglich auf Fleisch und Wein verzichtet und nur eine Mahl­zeit am Tag eingenommen. Ziel des Fas­tens ist die Besinnung auf das Wesentli­che in diesen Wochen, also die Beziehung zu Gott. Die Zahl „40″ hat symbolischen Charakter, immer wieder taucht sie in biblischen Erzählungen auf: So dauerte die Sintflut 40 Tage, Moses verbrachte 40 Tage auf dem Berg Sinai, um dann Gottes Zehn Gebote zu empfangen, Jesus hielt sich nach seiner Taufe 40 Tage lang in der Wüste auf, um dort zu fasten. Schon in den ersten christlichen Jahrhun­derten wurde die Ganzheitlichkeit des Fastens erkannt und betont: Es geht um den ganzen Menschen mit seinem Leib, seinem Geist, seiner Seele und seinen Beziehungen zu den Menschen und zu Gott. Dies machen zwei Zitate deutlich: „Das Fasten ist der Friede für den Leib, die Kraft für den Geist, die Stärke für die Seele” (Petrus Chrysologus, 5. Jahrhun­dert) und „Was du deinem Bauch ent­ziehst, das lass dem Hungrigen zukom­men” (Gregor von Nyssa, 4. Jahrhun­dert).

Das Fasten war zunächst auf wenige Fas­tengebote beschränkt und wurde stets freiwillig eingehalten. Es sollte an die Leidenszeit (Passion), den Tod und die Auf­erstehung Jesu Christi, die die Christen an Ostern feiern, erinnern. Durch das Fasten sollten die Beziehungen zu den Mitmenschen durch das Teilen und zu Gott vertieft werden. Gebete und Werke der Nächstenliebe wurden in den Alltag eingeschlossen. Auch heute noch bein­haltet das christliche Verständnis der Fastenzeit vor Ostern mehr als nur den Verzicht auf bestimmte Nahrungs- und Genussmittel. Die Fastenzeit bietet die Chance, an der Leidens- und Auferste­hungsgeschichte Jesu Christi teilzuhaben.

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Im biblischen Buch der Offenbarung steht in Kapitel 21, Vers 5: „Siehe, ich ma­che alles neu”. So dient die Fastenzeit nicht nur der Vorbereitung auf das Oster­fest, sondern bietet die Möglichkeit für den Fastenden, aus seinem Alltag her­auszutreten, Gewohnheiten und Routine zu durchbrechen, sein Leben und seine Beziehungen, seine Ziele und Prioritäten neu zu überdenken, einen Neuanfang zu setzen.