Schlafstörungen bei Kindern

Das Schlafbedürfnis und seine Entwicklung

Den »Normalschlaf« bei Säuglingen und Kleinkindern gibt es nicht. Säuglinge in den ersten fünf Lebenswochen schlafen auch noch am Tag (von 6 bis 23 Uhr) acht bis zehn Stunden, beim vollendeten ersten Le­bensjahr schläft ein Baby in der Regel immer noch fünf bis sieben Stun­den am Tag und mindestens noch einmal so viel während der Nacht. Babys wissen selber am besten, wie viel und wann sie schlafen müssen. Schlafstörungen im Sinn einer Verkürzung der Gesamtschlafdauer sind im ersten Lebensjahr extrem selten. Da manche Säuglinge einfach weni­ger Schlaf brauchen oder sich langsamer an den Tag-Nacht-Rhythmus gewöhnen, kann allerdings der Schlaf der Eltern empfindlich gestört werden. Dagegen hilft nur das Abwechseln der Betreuung durch je­weils einen Elternteil. Auffallende Änderungen im Schlaf verhalten wei­sen manchmal auf Krankheiten hin.

Auch später, in den ersten Lebensjahren, bleiben große individuelle Unterschiede beim Schlafbedürfnis bestehen (Entwicklung des Schlaf­bedürfnisses). Es wird von Fachleuten einhellig als völlig falsch bezeichnet, Kinder zu einer genormten Zeit ins Bett zu schicken.

Für geborene Kurzschläfer kann ein von den Eltern ausgeübter Schlaf­zwang zu Komplexen führen, nicht schlafen zu können: »Schlaf als Pro­blem« kann geradezu anerzogen werden, wenn man Kinder zwingt, sich ohne ausreichende Müdigkeit zu bestimmten Zeiten ins Bett zu legen. Man sollte Kindern die Möglichkeit geben, selbst den Wach-Schlaf-Rhythmus an die Umwelt anzupassen und sie dabei nur unterstützen.

Die Ursachen von Schlafstörungen

Viele Untersuchungen haben ergeben, dass rund ein Drittel der zwei-und dreijährigen Kinder nachts immer wieder aufwachen, bei Fünfjähri­gen immer noch jedes zehnte. Meist kann das als völlig normal bezeich­net werden. Nur wenn das nächtliche Erwachen von Angstzuständen begleitet ist oder das Kind nicht mehr einschlafen kann, bzw. wenn es extrem oft aufwacht, kann von Schlafstörungen gesprochen werden. Bei Säuglingen und Kleinkindern bis zu einem Alter von zwei Jahren sind solche Störungen mit großer Wahrscheinlichkeit Ausdruck der Pro­bleme der Eltern – etwa der Angst der Mutter um ihr Kind. Es wurde beobachtet, dass Schlafstörungen bei Kleinkindern oft dadurch verur­sacht werden, dass die Mütter immer wieder während der Nacht nach ihrem Kind sehen und es dabei aufwacht. Auch das zu frühe Schlafenlegen des Kindes ist immer wieder die Ursa­che von »Schlafstörungen«. Das Kind wacht dann mitten in der Nacht wieder auf.

Zu den häufigsten Ursachen für Schlafstörungen zählen Angst und Un­sicherheit, vor allem Trennungsangst. Das Alleinsein in der Dunkelheit kann oft solche Ängste mobilisieren. Man sollte dann nicht unbedingt versuchen, das schreiende Kind zu mehr Disziplin zu erziehen, sondern eher das Gefühl von Geborgenheit vermitteln. Auch Stresssituationen (im Freundeskreis, Kindergarten, Schule) führen vor allem dann zu Schlafproblemen, wenn die Geborgenheit fehlt; zum Glück klingen Schlafstörungen meist von selbst schnell ab.

Plötzlich auftretende Schlafstörungen von Kindern können aber auch Anzeichen von leichten Vergiftungen sein. Kinder, die einen Haarspray-Nebel eingeatmet, ein wenig vom herumstehenden Geschirrspülmittel oder Haarshampoo geschluckt haben, können unter Unruhe und Schlaf­störungen leiden. In solchen Fällen sollte jedenfalls ein Arzt oder eine Ambulanz aufgesucht werden.

Auch Medikamente können an Schlafstörungen beteiligt sein: Vor allem Nasentropfen, die bei Kleinkindern mit Schnupfen allzu oft eingesetzt werden, können zu nächtlichem Aufwachen mit Halluzinationen (Sehen von Spinnen, Ameisen) führen. Bei Kleinkindern sollten daher fol­gende Nasentropfen vermieden werden: Balkis, Coldan, Coldistan, Dexa Rhinospray, Nasivin, Olynth, Otriven, Otrivin, Privin, Rhinon, Tyzine, Wiek Schnupfenspray und ähnliche Mittel. Als Alternative bei behinderter Nasenatmung durch Schnupfen gilt das Einträufeln von (0,9prozentiger Kochsalzlösung oder auch ätherische Öle auf einem Wattebausch, der über dem Bett befestigt wird. Wenn wegen der Schwere der Infektion (z.B. bei Gefahr einer Nebenhöhlenentzündung) schleimhautabschwellende Nasentropfen unvermeidlich sind, sollte dar­auf geachtet werden, dass sie nur einige Tage verwendet und nur in der für Säuglinge bzw. Kinder vorgesehenen Darreichungsform eingesetzt werden.

Was tun bei Schlafstörungen bei Kindern?

Bei Kleinkindern bis zum zweiten Lebensjahr ist – sieht man von der Beseitigung der Ursachen ab – meist keine Behandlung des Kindes nö­tig. Es holt sich den Schlaf, den es braucht, meist von selbst. Oft hilft bei etwas älteren Kindern das Ausschalten des Krimis im Fernsehen. Da auch die Angst vor dem Alleinsein Ursache von Einschlafschwierigkei­ten sein kann, helfen gemeinsame Einschlafrituale wie z. B. die gute alte Gute-Nacht-Geschichte sehr oft. In schwierigen Fällen kann die psycho­logische Beratung oder eine Psychotherapie der Eltern sinnvoll sein. Bei etwas größeren Kindern sind entspannende, Sicherheit gebende psychotherapeutische Maßnahmen sinnvoll. Auch Familientherapien, bei denen sich Eltern und Kinder gemeinsam mit den Problemen be­schäftigen, können sinnvoll sein.

Schlafmittel bei Kindern?

Vorübergehende Ein- und Durchschlafstörungen bei Kindern sind nicht mit Schlafmitteln zu behandeln, weil sie – wie auch die Arzneimittel­kommission der “Deutschen Ärzteschaft” einräumt – »fast immer durch eine Korrektur häuslicher oder familiärer Umstände behoben werden können«. Dennoch werden von bundesdeutschen Ärzten jährlich mehr als 140000 Packungen Schlafmittel für Kinder und Jugendliche verordnet. Für Österreich liegen leider keine zuverlässigen Zahlen vor.

Neben der grundsätzlichen Problematik solcher Mittel – Beeinträchti­gung der Schlafqualität, Benommenheit und Verminderung der Lei­stungsfähigkeit am nächsten Tag, Suchtgefahr – treten bei Kindern auch besonders häufig paradoxe Reaktionen auf. Statt des gewünschten dämpfenden Effekts bewirken die Mittel dann motorische Erregung mit Verwirrtheit und Halluzinationen, die den Schlaf gänzlich unmöglich machen.

Bettnässen – eine Krankheit?

Die meisten Fachleute sind sich einig, dass Bettnässen bis zum fünften Lebensjahr eigentlich normal, danach sehr oft Resultat emotionaler Probleme ist: Streit im Elternhaus, neue Geschwister, Schulpro­bleme.

Dennoch wurde dieses Symptom zur Krankheit mit dem Namen »Enu­resis« gemacht. Sogar das »British Medical Journal« – alles andere als eine medizinische Außenseiterzeitschrift – meint dazu: »Der medizini­sche Begriff hat Bettnässen in den Status einer Krankheit erhoben, die Medikamente zur Behandlung erfordern, obwohl in Wirklichkeit in den meisten Fällen die Kinder normal sind.« Und auch bei den »schwierigen« Fällen geht das Problem mit der Puber­tät fast immer von selbst vorbei.

Therapeutische Maßnahmen bei Bettnässen sind nur manchmal erfor­derlich und erfolgreich. Sicher ist:

– Das Aufwecken zu bestimmten Zeiten hilft in der Regel nicht. Die Kinder sind meist nicht richtig wach, wenig später »passiert es« trotz­dem.

– Das Verbot des Trinkens ab dem Nachmittag ist ebenfalls meist erfolg­los.

Bei Mädchen sollte untersucht werden, ob eine Harnwegsinfektion vor­liegt. Hinweise sind stinkender Urin, Rötung an der Öffnung der Harn­röhre und auffallend häufiger Harndrang tagsüber. Bettnässen klingt meist ohne Behandlung von selbst ab. Bis es soweit ist, sollte ein Gummilaken über die Matratze gezogen werden. Außerdem sollte die Wäsche gewechselt werden. Bestrafung des Kindes verschlim­mert die Situation: Das Kind nässt dann womöglich aus Angst vor Schlä­gen erneut ein. So kann aus einer harmlosen, vorübergehenden Erschei­nung ein ernstes Problem werden.

Grundsätzlich sind psychotherapeutische und verhaltenstherapeutische Maßnahmen am sinnvollsten. Zu Beginn einer Behandlung sind die Er­folge meist relativ groß, langfristig muss mit »Rückfällen« gerechnet werden. Der Einsatz von Medikamenten kann problematisch sein. Er wird von Kinderärzten und Kinderpsychiatern nur als letzte Möglichkeit betrach­tet.

Klinische Versuche haben ergeben, dass Tofranil und ähnliche Präparate nur in 30 Prozent der Fälle Bettnässen beseitigen und dass viele der be­handelten Kinder schon drei Monate danach wieder ins Bett machen. Nebenwirkungenn dieses stark wirkenden Psychopharmakons sind rela­tiv häufig. Vor allem bei Kindern, die jünger als acht Jahre sind, wird vom »British Medical Journal« die Wirksamkeit dieses Medikaments völlig bestritten und darauf hingewiesen, dass diese Mittel bei Kindern unter fünf Jahren sogar zu den häufigsten Vergiftungsursachen gehört. Ursache dafür ist die Sorglosigkeit der Eltern, die die bunten, süßen Dragees nicht unter Verschluss aufbewahren. Und die Ignoranz der Her­steller, die solch gefährliche Produkte künstlich süßen.

Bettnässen bei Erwachsenen

Wenn bei Erwachsenen nächtliches Einnässen neu auftritt, sollte dies als ernstes Warnzeichen betrachtet werden. Häufige Gründe sind starkes abendliches Trinken und epileptische Anfälle (die ihrerseits durch Alko­hol provoziert werden können). Auch einige Medikamente können zu nächtlichem Einnässen führen; diese Komplikation ist allerdings viel seltener als ihr Gegenteil, die Harnverhaltung. Harnwegsinfekte und Verletzungen können ebenfalls die Ursache einer Enuresis im Erwach­senenalter sein. In jedem Fall ist diagnostische Abklärung erforderlich, da ein großer Teil der Ursachen beseitigt werden kann (z.B. Alkoholis­mus).