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Tabak, die ewige Freude der Götter

Tabak als subtropische Pflanze hat seine botanische Heimat in den Antil­lengebieten Westindiens und den westlicher gelegenen Festlandgebieten Zentral- und Mittelamerikas. Möglicherweise wurde Tabak dort schon vor etwa zehntausend Jahren von den Ureinwohnern, Jägern und Sammlern, für Rauchopfer genutzt. Als diese vor rund achttausend Jahren im Gebiet des heutigen Peru und Mexiko mit Ackerbau begannen, wurde neben Kür­bissen, Avocados, Bohnen, Mais und Chili schon bald Tabak angebaut.

Von hier aus fand die Tabakpflanze Verbreitung auch auf dem nord­amerikanischen Kontinent. Die unterschiedlichsten Rauchzeremonien, kunstvoll gefertigte und mit religiösen Motiven verzierte Rauchutensilien sowie zahllose Mythen über den Ursprung der Tabakpflanze zeugen von einer jahrhundertealten kultisch geprägten Tabaktradition der Einwohner Süd- und Nordamerikas.

»Das Rauchen ist die ewige Freude der Götter, die, wenn es blitzt, Feuer schlagen, sich ihre Tabagos anzünden und Wolken in alle vier Winde blasen.« Im »Popol Vuh«, der Stammesgeschichte der Quiche-Maya in Guatemala, gelten Sternschnuppen als von Göttern weggeworfene, noch glimmende Zigarrenstummel.

Die Priester der Maya entzündeten heilige Feuer, in die sie, wohl um die Glut zu entfachen, immer wieder hineinbliesen und so den Genuss der In­halation von Tabakrauch kennenlernten, da sie vornehmlich diese Pflanze verwendeten. Indem sie ihre Tempel in Rauchwolken hüllten, um in Ver­bindung mit den Überirdischen zu treten, wurde Tabak zur heiligen Pflanze. Diese Priester, die als erste an den »ewigen Freuden der Götter« teilhaben durften, ließen das Rauchen zu einem religiösen Akt werden. Bei Hochzeiten, Begräbnissen, jahreszeitlichen Festen wie Aussaat oder Ernte wurde Tabak zeremoniell geraucht und den Göttern als Opfer dar­gebracht.

Folgerichtig spielte er in den Mythen der Indianer Nordamerikas über die Erschaffung der Welt und der Menschen eine wichtige Rolle. Die Iro­kesen glaubten, dass der Kürbis dem Nabel von Mutter Erde entwachse, die Bohne den Füßen, der Tabak aber ihrem Kopf. Darum beruhige er das Gemüt und mache die Gedanken besonnen – eine Vorstellung, die im Eu­ropa des 17. und 18. Jahrhunderts in leicht veränderter Form wieder auf­tauchte und sich bis heute hält.

Folgerichtig galt auch die Tabakspfeife den Indianern als geheiligter Kultgegenstand. Die indianische Pfeife, das Kalumet – die Bezeichnung stammt von weißen Eroberern und ist dem lateinischen Calamellus (Röhr­chen) abgeleitet -, wurde reich verziert, mit Adlerfedern geschmückt und bei Rauchzeremonien oft paarweise verwendet. Das Pfeifenpaar symboli­sierte Dualitäten wie Mann und Frau, Himmel und Erde, Tag und Nacht. Die Pfeife stellte für die Indianer ein Geschenk des Großen Geistes Manitu dar und hatte nicht nur eine zentrale Funktion im Dialog zwischen ihren Häuptlingen und den mächtigen Schutzgeistern, sondern verpflichtete sie auch untereinander zu Friedfertigkeit. Die Indianer Nordamerikas rauchten sie zur Bekräftigung von Verträgen, zur Festigung von Freund­schaften und bei festlichen Anlässen. Teilnehmer an Versammlungen, bei denen die heilige Pfeife kreiste, waren durch sie an die gefassten Beschlüsse gebunden.

Ebenfalls zur verbindlichen Festigung einer Gemeinschaft, jedoch un­ter kriegerischen Vorzeichen, rauchten die Tupi-Indianer an der Ostküste Brasiliens Tabak bei ihren Kriegstänzen. Für den bevorstehen­den Kampf sollte er körperliche und gei­stige Stärke vermit­teln. Die Bedeutung des Tabaks für die Ur­einwohner Amerikas wird durch die Viel­zahl von Möglichkei­ten illustriert, Tabak zu sich zu nehmen. Bei den Indianern Mittel- und Südame­rikas war vor allem Rauchzeug gebräuchlich, das als Urform der heutigen Zigarren oder Ziga­retten angesehen werden kann. Die Tabakblätter wurden gerollt und in ein trockenes Blatt – zum Beispiel das einer Maispflanze – gewickelt. Gele­gentlich waren auch Rauchrohre aus Knochen in Gebrauch. Priester von Indianerstämmen im Nordwesten Südamerikas benutzten zum Rauchen ihrer Zigarren gabelförmige, weiß gefärbte und mit Schnitzereien verse­hene hölzerne Zigarrenhalter. Farbe und Verzierungen deuteten auch hier auf die religiöse Funktion des Tabakgebrauchs: Weiß war das Symbol der Schamanen, die geschnitzten Vogelköpfe an den Gabelenden übermittel­ten die Botschaften und Wünsche der Raucher an die übernatürlichen Mächte.

Oft waren Anbau, Ernte und Zubereitung des Tabaks im Rahmen eines festen Rituals männlichen Kultgemeinschaften vorbehalten. Die Auf­nahme in diese Zirkel erfolgte zumeist über eine zeremonielle Initiation. Nur selten konnten, wie etwa bei den Krähenindianern, auch Frauen Mit­glied der exklusiven Tabakgesellschaft werden. Wegen der kultisch-religiö­sen Wirkung, die dem Rauch der Tabakpflanze eigen schien, wurde dem heiligen Kraut auch heilende Wirkung zugeschrieben. Kaum ein Gebre­chen wurde nicht mit Tabak behandelt: Durch Auflegen von Tabakblättern wurden Wunden gepflegt, durch Anblasen des Kranken mit Tabakrauch vertrieb der Medizinmann, der zugleich Priester war, die für das Leiden verantwortlichen Dämonen und Geister.

In Teilen Südamerikas und im Gebiet des Rio de la Plata wurde Tabak ausschließlich heilkundlich genutzt, sein Gebrauch war ein Privileg der Medizinmänner. Zahlreiche Quellen berichten von einer halluzinogenen Wirkung des Tabakqualms. Tatsächlich war der Nikotingehalt des Tabaks, der von südamerikanischen Indianerpriestern geraucht wurde, bis zu zehn­mal höher als der heutiger Tabake. Doch erklärt dies die berauschende Wirkung nicht allein: Möglicherweise mischten die Priester dem Tabak andere Kräuter mit psychotropen Eigenschaften bei und halfen dem Errei­chen des tranceähnlichen Zustandes mit anderen Mitteln wie Fasten, Me­ditation, Atemübungen, Tanzen und Trommeln nach.

Neben der kultisch-religiösen und der medizinischen Funktion diente Tabak den Ureinwohnern Amerikas, je mehr er der Aufsicht der Priester entzogen war, auch als profanes Genussmittel. Bei den Maya, den Inka und Azteken war das Tabakrauchen offenbar schon früh kein ausschließliches Privileg der Priester mehr. So beendeten die Bewohner der aztekischen Hauptstadt Tenochtitlán – dem heutigen Mexiko City – ihre Mahlzeit mit einer Tasse Kakao und einer Art Zigarre. Ein weiteres, nicht zu unterschät­zendes Motiv des Tabakgebrauchs war in Hungerzeiten sicher auch die ap­petithemmende Wirkung von Nikotin.

Tabak wurde indes nicht nur geraucht, sondern auch geschnupft, ge­kaut und getrunken. Die Ureinwohner Guayanas vermischten ihn mit Asche und dem weißen Pulver verbrannter Muschelschalen. Sie kauten die Mischung, bis eine knetbare Masse entstand, und formten erbsengroße Kugeln daraus, die sie mit sich trugen und bei Gelegenheit langsam zer­kauten. Bei einzelnen südamerikanischen Stämmen war das Schnupfen üblich. Der Tabak wurde mit pulverisierten Hölzern und Gewürzen ver­mischt und in Schneckenhäusern aufbewahrt. Bei Bedarf inhalierten die Schnupfer eine Prise der Mischung durch einen Röhrenknochen oder ein gerolltes Blatt in die Nase. Bei Tabakfesten der Shuara-Frauen in West-Amazonien wurde mit Speichel vermischter Tabaksaft getrunken. Das Ge­bräu versetzte die fastenden Frauen in einen narkoseähnlichen Schlaf. Im Traum sollte ihnen der Tabakgeist Wakani erscheinen und sie unterweisen.

Auf dem amerikanischen Kontinent war Tabak so schon seit Jahrtau­senden Bestandteil der indianischen Kulturen, außerhalb Amerikas aber war er unbekannt wie dieser Kontinent. Etliche Tabakarten wuchsen zwar auch in Australien und auf den Sunda-Inseln Sumatra, Java, Borneo und anderen, doch nur wenige Ureinwohnerstämme Australiens nutzten sie auch. Dies lässt aber nicht den Schluss zu, dass in Asien, Afrika und Europa niemand geraucht hätte. Pfeifenfunde aus der römischen Kaiserzeit oder der Periode früher chinesischer Dynastien beweisen, dass der Rauch ver­brannter Pflanzen und Kräuter auch außerhalb der ursprünglichen Ver­breitungsgebiete der Tabakpflanze medizinisch genutzt wurde und als Rausch- und Betäubungsmittel bekannt war.

Als am 12. Oktober 1492 Christoph Columbus mit seinen Schiffen auf der Bahama-Insel Guanahani, die heute San Salvador heißt, landete, hör­ten die Europäer erstmals das Wort Tobago- womit die Indianer allerdings nicht die Pflanze, sondern das Rauchrohr bezeichneten: »Während wir zwischen den beiden Inseln Santa Maria und der anderen großen, die ich San Fernandina nannte, hindurchsegelten, trafen wir einen Mann allein in einem Boot auf dem Weg nach Fernandina, der einige trockene Blätter mit sich führte, die er für sehr wertvoll hielt und wovon er mir welche schenkte, als er sich von uns verabschiedete.«1 Was es mit diesen geheim­nisvollen Pflanzenblättern auf sich hatte, beschrieb 1527 der erste Bischof der Spanier in der neuentdeckten Kolonie, Fray Bartolome de Las Casas, in der »Historia General de las Indias«. Zwei Kundschafter waren auf San Fernandina, dem heutigen Kuba, an Land gegangen: »Unterwegs begegne­ten sie vielen Männern und Frauen, die ein kleines Feuer mit sich führten, das in den Blättern eines Krautes glühte, dessen Rauch sie einatmeten… Die Pflanze, deren Rauch die Indianer einziehen, ist wie eine Art Stutzen oder Fackel in ein trockenes Blatt hineingestopft.,. Die Indianer zünden es auf der einen Seite an und saugen oder schlürfen am anderen Ende, indem sie den Rauch beim Atmen innerlich einziehen, was ihren ganzen Körper in gewissem Sinne einschläfert und eine Art Trunkenheit hervorruft.«2

Die Tabakblätter, die die Indios bei ihrer ersten Begegnung mit den Spaniern den weißhäutigen Fremdlingen, die sie für Götter hielten, als Ge­schenk überreichten, waren getreu indianischer Tradition eine Geste des Friedens und der Freundschaft. Die Spanier sollten dieses Zeichen ebenso ignorieren wie später die englischen Kolonisatoren Nordamerikas, welche die mit der Friedenspfeife symbolisierten Freundschaftsangebote der In­dianer brutal ausnutzten. Der Europäer, der mit der fremden Droge nicht umzugehen wusste, entledigte den Tabak völlig seines religiös-rituellen Hintergrundes und degradierte ihn zum reinen Genussmittel. In seinen Händen verwandelte sich die »ewige Freude der Götter« in ein Konsum­gut. Die Indianer Nordamerikas und Kanadas hingegen haben zum Teil ihr kultisches Verhältnis zum Tabakkonsum bis heute bewahrt.

Tabak in der Kurpfalz: Tabakanbau und Zigarrenindustrie

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