Verschiedene Fastenformen

Bevor ich die verschiedenen Fastenfor­men darstelle, möchte ich darauf hinwei­sen, dass die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE), die Deutsche Adipositas-Gesellschaft und alle ernstzuneh­menden Ernährungs- und Medizinorga­nisationen ausdrücklich vor dem Fasten warnen und Fasten nicht zu den Maß­nahmen der Gewichtsreduktion gehört. Die DGE stellt fest, dass Fastenkuren grundsätzlich nur unter ärztlicher Kon­trolle durchgeführt werden sollten.

Auf die Sinnlosigkeit des Fastens weist auch Professor Dr. med. Alfred Wirth in seinem Standardwerk „Adipositas” hin und beschreibt das ständige Auf und Ab des Körpergewichts, die durch Fasten und den daraus folgenden Jo-Jo-Effekt hervorgerufen wird: „Hinzu kommt, dass ein Fastender nicht lernt, seine Ernährung und sein Essverhalten umzustellen. Ihm bleiben nur immer wiederkehrende Fastenkuren mit einem Auf und Ab des Gewichts, davon profitie­ren viele Fastenkliniken.” Gegen einen Fastentag ist aber auch nach Wirth nichts einzuwenden.

Fasten darf jedoch nicht durchgeführt werden bei:

■ Schwangeren und Stillenden,

■ Kindern und Jugendlichen,

■ älteren Menschen (> 65 Jahre),

■ konsumierenden Erkrankungen (Krebs­krankheiten),

■ akuten und chronischen Erkrankun­gen,

■  Herzerkrankungen,

■ Leber- und Nierenfunktionsstörungen,

■ Diabetes mellitus,

■ erhöhten Harnsäurewerten (Hyperurik­ämie) und Gicht,

■ schweren Allgemeinerkrankungen,

■ psychischen Störungen, Anämien.

Schroth-Kur_

Die Schroth-Kur wurde vor 170 Jahren von dem Fuhrmann Johann Schroth (1798-1856) entwickelt. Hauptziel die­ser zwei- bis dreiwöchigen Kur ist eine Entgiftung des Körpers, wodurch die Selbstheilungskräfte gefördert werden sollen. In den deutschsprachigen Staaten wird die Schroth-Kur noch heute – wenn auch in modifizierter Form – angeboten. Ziele der Schroth-Kur sind die Vorbeu­gung und Linderung verschiedener Stoff­wechselerkrankungen. Die erreichte Ge­wichtssenkung ist nur ein Nebenprodukt. Die Schroth-Kur besteht aus einer äuße­ren und einer inneren Entgiftung durch Ernährungsmaßnahmen sowie die An­wendung feuchter Wärme (Wickel).

Während der Kur gibt es Getreide­speisen – gegebenenfalls ergänzt durch gekochtes Gemüse und zuweilen Obst -und trockene Brötchen. Es wird auf eine Darmregulierung geachtet (unter ande­rem durch Pflaumen). In der Heilfasten­phase sind trockene Brötchen in unbe­grenzter Menge erlaubt, wenig Reis, Grieß, Hafer und etwas Gemüse. An den Trockentagen werden Getreideschrotbrei, Haferflockenbrei, Schrotsemmeln, Voll­kornbrot, Knäckebrot, Trockenobst, Nüs­se usw. verzehrt und ein Achtel Liter Flüs­sigkeit getrunken, an sogenannten klei­nen Trinktagen ein Liter und an großen Trinktagen zwei Liter Flüssigkeit. Nach der Originalvorschrift wird die Flüssigkeit in Form eines weißen Landweins aufge­nommen, heute häufig gegen Frucht-und Gemüsesäfte ausgetauscht.

Bei der Schroth-Kur gibt es Trocken- und Trinktage.

Beurteilung

Durch die massiven Schädigungen, die eine solch extrem energie- und eiweißar­me Kost hervorruft, die gleichzeitig reich­lich Alkohol zuführt, haben einige Schroth-Einrichtungen inzwischen, um größere Schädigungen zu vermeiden, die Alkoholmenge eingeschränkt, und es wird zusätzlich Protein verabreicht.

Die klassische Schroth-Kur kann -insbesondere wenn sie wochenlang durchgeführt wird – zum Tod führen. Die modifizierte Form ist zwar auch nicht sinnvoll – insbesondere die Trockentage sind bedenklich -, aber sie führt nur zu leichten Mangelerscheinungen und allge­meinem Missempfinden.

Die Trockentage sind gesundheit­lich bedenklich.

Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) e. V. rät dringend von der Schroth-Kur in jeder Variante ab. Und der Deut­sche Wellness Verband urteilt über die klassische Schroth-Kur folgendermaßen:

„Der fast ausschließliche Verzehr von trockenen Brötchen, gelegentlich er­gänzt durch Getreidebrei und Gemüse, sowie die drastische Flüssigkeitsein­schränkung ist eine enorme Stoffwech­selbelastung. Von einer mehrwöchigen Durchführung muss abgeraten werden, da mit Mangelerscheinungen an Eiweiß, Vitaminen und Mineralstoffen zu rechnen ist, zumal die Einnahme von Vitamin-und Mineralstoffpräparaten unterbleiben soll. Die geringe Flüssigkeitszufuhr wider­spricht den heutigen Kenntnissen der Er­nährungswissenschaften und ist nicht zu verantworten. (…) Die Empfehlung, an .Trinktagen’ Wein zu trinken, ist völlig un­akzeptabel, zumal Alkohol eine harntrei­bende Wirkung hat.”

Grundsätzlich ist die Schroth-Kur -in welcher Form auch immer – der menschlichen Gesundheit nicht zuträg­lich, aber sie füllt die Kassen der Anbie­ter. Aus ernährungsmedizinischer, diäte­tischer und ernährungswissenschaftli­cher Sicht ist die Ernährungsweise grund­sätzlich abzulehnen. Der Einstieg in eine gesunde Ernährungsweise kann auch ohne trockene Brötchen und Wein gefun­den werden.

Fasten nach F. X. Mayr_

Franz Xaver Mayr (1875-1965) ist Erfin­der der F. X.-Mayr-Kur. Das Hauptziel sei­ner Kur ist die Darmsanierung und Darm­reinigung. Die Kur ist ausdrücklich nicht zur Gewichtsreduktion vorgesehen. Lei­der führen aber viele Menschen die Mayr-Kur durch, um abzunehmen.

Mayr war Kurarzt und entwickelte eine naturheilkundliche Methode, die aus einer extrem kargen Kost besteht. Die Säulen der Mayr-Methode sind die vier S: Schonung, Säuberung, Schulung und Substitution (die Zufuhr von Vitaminen und Mineralstoffen ist möglich – aber nicht Bedingung). Dazu gehören eine de­taillierte Diagnostik des Darms durch sorgfältiges Abtasten und Abklopfen so­wie auch die Überprüfung der Körperhal­tung, Muskeltests sowie ärztliche Bauch­behandlungen.

Schonung, Säuberung, Schulung und Substitution sind die Säulen der Mayr-Kur.

[amazon asin=3442171482&template=iframe image]Die erste Stufe der klassischen Mayr-Kur ist ein Tee-Wasser-Fasten, das mit einer Darmreinigung durch Bittersalz und Ein­laufe beginnt. Auf diese Weise sollen Res­te des Nahrungsbreis beseitigt werden, bevor die neue, gesündere Ernährung einsetzt.

Die zweite Stufe der Mayr-Kur be­steht aus der Milch-Semmel-Diät: Dabei wird morgens ein altbackenes, trockenes Brötchen pro Bissen 25- bis 40-mal ge­kaut. Wenn er vollkommen verflüssigt ist, wird der Nahrungsbrei mit einem Teelöffel Milch hinuntergeschluckt.

Die dritte Stufe ist dann die sogenannte milde Ableitung, eine basische Schonkost mit viel Gemüse, reifem Obst, frischen Kräutern, wenig Fett und Salz und selten Fleisch. Dies ist die Hinfüh­rung zu einer neuen Ernährungsform.

Über den Tag sind drei bis fünf Liter Wasser, Kräutertee und Gemüsebrühe er­laubt. Vor dem Mittagessen und vor dem Schlafengehen wird ein warmer Leberwi­ckel aufgelegt, regelmäßig behandelt ein Arzt den Bauch, um die Darmfunktion manuell zu unterstützen und zu kontrol­lieren.

Beurteilung

Eine wissenschaftliche Begründung für die Milch-Semmel-Diät gibt es nicht. Durch die Milchaufnahme kann auch dem Eiweißmangel nicht vorgebeugt werden, und die Brötchenmenge ist zu gering, um den Kohlenhydratbedarf zu decken. Die Mayr-Kur ist eine Anleitung für eine lebensgefährliche Ernährungs­weise, die auch in Kurform nicht durch­geführt werden sollte. Leider gibt es so­gar Kuranstalten, die noch heute diese unsinnigen Mayr-Maßnahmen durchfüh­ren.

Die Mayr-Kur stellt nach Meinung von führenden Ärzten eine extreme Be­lastung für den Körper – selbst von ge­sunden Menschen – dar. Die während der Mayr-Kur durchgeführte Darmreini­gung entbehrt jeder wissenschaftlichen Grundlage und kann die Risiken der Mayr-Kur noch vermehren. Die wieder­holte Anwendung von Einlaufen oder Bittersalz ist aus ärztlicher Sicht in der Regel nicht angezeigt und kann zur ausgepräg­ten Darmträgheit führen. Das ist unter keinen Umständen sinnvoll oder ge­sund.

Die wiederholte Anwendung von Einlaufen kann zu Darmträgheit (Obstipation) führen.

Da die meisten Menschen überhaupt nicht übersäuert sind, und die Mayr-Kur durch die Ketonkörperbildung zur Über­säuerung führt, erscheint der Ansatz der Entsäuerung kaum nachvollziehbar.

Schon die erste Stufe der klassi­schen Mayr-Kur ist abzulehnen. Das lässt sich nur als klassische Hokuspokus-Medi­zin bezeichnen. Dass sich die Mayr-Kur in verschiedene Stufen gliedert, macht die Maßnahmen der Mayr-Kur nicht we­niger sinnvoll.

Auch der Effekt von warmen Leber­wickeln ist wissenschaftlich in keiner Weise belegt, aber durchaus als ange­nehm beschrieben. Aber mit medizini­scher Wissenschaft hat das wenig zu tun. Die von Anwendern der Mayr-Diät ge­legentlich geäußerten Heilungsverspre­chen bei vielen Krankheiten und Beschwerden sind nicht durch Untersu­chungsergebnisse gedeckt. Der gesunde Menschenverstand und die moderne Wissenschaft machen diese Kur zu einer Maßnahme, vor der nur streng gewarnt werden kann.

Molkefasten_

Beim Molkefasten wird ein bis 1,5 Liter mit Eiweiß und Kohlenhydraten angerei­cherte Molke in kleinen Portionen über den Tag verteilt getrunken. Wichtig ist es, dass zusätzlich genügend getrunken wird: Bis zu drei Litern Wasser, ungezu­ckerte Kräutertees oder Früchtetees soll­ten pro Fastentag getrunken werden. Erlaubt ist auch die Zugabe von frisch ge­presstem Saft und ein wenig Obst und gedünstetem Gemüse, um den Ge­schmack etwas zu verbessern.

Kur-Molke ist kalorienarm, enthält viel Kalzium und Eiweiß und wirkt durch den enthaltenen Milchzucker mild abfüh­rend. Untauglich ist diese Kur bei häufi­gen Durchfällen und Milchzuckerunver­träglichkeit.

Kur-Molke enthält viel Kalzium und Eiweiß.

Beurteilung

Das Molkefasten ähnelt dem Saftfasten und ist eine Sonderform der Nulldiät. Durch „abgewandelte” Fastenkuren wie dem Molkefasten werden die negativen Folgen des Fastens zwar abgemildert. Der Gewichtsverlust beruht aber haupt­sächlich – vor allem bei der Molkekur! -auf dem Verlust an Körperfett.

Totales Fasten (Nulldiät)

Die Nulldiät ist die strengste Fastenform, die es gibt. Es sind lediglich kalorienfreie Getränke (zwei bis drei Liter täglich) so­wie Vitamine und Mineralstoffe als Nah­rungsergänzungsmittel erlaubt.

Beurteilung

Das totale Fasten wurde aufgrund diver­ser Todesfälle, des hohen Verlustes an Eiweiß (Muskulatur) und des fehlenden Lernens im Umgang mit einer dem Be­darf angepassten Mischkost in der Adipositastherapie aufgegeben und durch das sogenannte proteinsubstituierte Fasten ersetzt.

Durch die Eiweißfreiheit wird die Muskulatur abgebaut, und der Organis­mus verarmt an allen lebenswichtigen Substanzen, wenn die Nulldiät nur lange genug durchgeführt wird. Totales Fasten kann schon nach wenigen Wochen zum Tod führen. Auch durch die Zufuhr ener­giefreier Getränke wird die Nulldiät nicht zu einer sinnvollen Maßnahme.

Totales Fasten führt rasch zum Tod!

Proteinsubstituiertes Fasten

In der Regel kommen beim proteinmo­difizierten Fasten spezielle Formuladiäten zum Einsatz. Formuladiäten mit ei­ner Gesamtenergiemenge von 500 bis 1200 Kilokalorien pro Tag ermöglichen einen Gewichtsverlust von 0,5 bis zwei Kilogramm pro Woche über einen Zeit­raum von bis zu zwölf Wochen. Das pro­teinmodifizierte Fasten führt im Gegen­satz zu anderen protein- und kohlenhy­dratarmen Fastenformen nicht zur ge­fährlichen Ketoazidose. Die extreme Übersäuerung bleibt damit aus.

Proteinsubstituiertes Fasten führt nicht zur Übersäuerung.

Professor Dr. H. Ditschuneit war der Va­ter des proteinmodifizierten Fastens in Westdeutschland, während Professor Dr. M. Hanefeld in Ostdeutschland praktisch zur gleichen Zeit eine ähnliche Methode entwickelte. Der sogenannte Ulmer Trunk, den Professor Ditschuneit mit sei­nem Schüler Professor Wechsler, der noch heute in der Adipositastherapie in München als Chefarzt eines großen Kran­kenhauses erfolgreich tätig ist, entwickel­te, enthielt hochwertiges Protein auf Hühnereiklarbasis. Die Weiterentwick­lung dieses Konzepts führte zu den noch heute erfolgreich durchgeführten Metho­den des proteinmodifizierten Fastens.

Diese Methoden sind die nach Auswer­tung der wissenschaftlichen Literatur er­folgreichsten Maßnahmen zum dauer­haften Abbau von Übergewicht. Aber auch das proteinmodifizierte Fasten soll­te nur mit ärztlicher Betreuung durchge­führt werden.

Sinnvoll erscheint auch das soge­nannte Meal-Replacement, bei dem ein­zelne Maßnahmen durch speziell zusam­mengesetzte Produkte ersetzt werden. Im Gegensatz zu den verschiedenen For­men des Heilfastens gibt es hierzu reich­lich Literatur, die beweist, dass positive Effekte zu erwarten sind.

Durch die gezielte Zufuhr aller le­benswichtigen Nahrungsinhaltsstoffe vermeidet proteinmodifiziertes Fasten alle Komplikationen, die für sonstige Fas­tenformen üblich sind. Es ist eine ernäh­rungsmedizinisch sinnvolle Maßnahme -aber nur, wenn es mit einer Ernährungs­umstellung und mit Verhaltens- und Be­wegungstherapie kombiniert wird!

Da sich die Stickstoffbilanz bei pro­teinmodifiziertem Fasten nach drei Wo­chen stabilisiert, ist diese Fastenform auch für längere Perioden als vier Wo­chen geeignet, totales Fasten hingegen nicht.